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Kriegsverbrechen gehen an die Nieren

Das Theaterstück mit dem Zeitgeist suggerierenden Namen „Carla del Ponte trinkt in Pristina einen Vanilla Chai Latte“ trägt eine Gretchenfrage in sich. Sie heißt: „Wie hältst du es mit der Gerechtigkeit?“ Das Schauspiel des kosovarischen Autors Jeton Neziraj lässt ironische Worte über die offenen Kriegswunden tänzeln. Es geht um verbrecherischen Organhandel. Während der 2000er Jahre wurden Mitglieder der kosovarischen UÇK Befreiungsarmee von Carla del Ponte beschuldigt, mit Organen serbischer Kriegsgefangener gehandelt zu haben. Die damalige Chefanklägerin des internationalen Gerichtshof wurde durch ihre diesbezüglichen Recherchen zu einer sehr umstrittenen Person. Es herrscht größerer Konsens über serbische Kriegsverbrechen.
Jochen Roller hat das in englischer Sprache aufgeführte Stück in eine 90- minütige Choreographie gegossen. Auf der Bühne der Kammerspiele schlüpfen fünf Frauen nahtlos in verschiedenen Rollen. Sei es Madeleine Albright, ehemalige US-Außenministerin, die Künstlerin Marina Abramovic oder gar Mutter Theresa, die aus Albanien stammte. Federleicht werden Sätze wie „Wir müssen wissen, wem diese Niere gehört, denn die Niere eines Weißen ist mehr wert als die Niere eines Schwarzen und die eines Serben mehr als die eines Albaners“ von der Bühne ins Publikum geworfen.
Sie treffen mit der vollen Wucht. Selbst die regelmäßigen Charleston-Tanznummern unterstreichen die Brisanz des Themas. „Ironie hilft mir in dieser Gesellschaft und dieser Realität zu überleben, als Mensch und als Schriftsteller“, sagt Jeton Neziraj, „Durch Ironie kann man vieles Andeuten, die Leute lachen und sie verstehen trotzdem den Punkt, um den es geht.“

 

Wesfälischen Rundschau/ Pamela Broszat / 13.02.2017